Foto: Jens Gyarmaty

Niemand spricht

Von REINHARD BINGENER, MARLENE GRUNERT, MONA JAEGER
Foto: Jens Gyarmaty

21. Juli 2020 · Stephan B. konnte seinen geplanten Massenmord nicht ausführen, weil die Tür zur Synagoge in Halle standhielt. Er erschoss zwei Menschen, bevor er floh. Jetzt wird ihm der Prozess gemacht.

Wochenlang war in der Synagoge nicht gebetet worden. Die Türen blieben zu, auch jene berühmte. Corona hat die Gemeinde auf den Kopf gestellt. Die Kinder können nicht ins Sommerferienlager nach Bulgarien fahren. Jetzt geht es nach Cottbus statt ans Meer. Inzwischen werden die Türen zur Synagoge wieder geöffnet, und 19 Personen dürfen zum Gottesdienst in den Gebetsraum. In dem engen Raum ist an den meisten Stühlen ein Seidenband befestigt, dort darf niemand sitzen. Jeder hat nun ein eigenes Gebetbuch.

Blick in den Gebetsraum der Synagoge in Halle.
Blick in den Gebetsraum der Synagoge in Halle. Foto: Jens Gyarmaty

Die Gemeinschaft fehle, sagt Max Privorozki, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Halle. Das Attentat? Der Prozess, der am Dienstag beginnt? Darum gehe es in der Gemeinde nicht. Darüber werde nicht gesprochen. Bei der Mitgliederversammlung Ende vergangenen Jahres habe es keine einzige Frage zu Stephan B. gegeben. Keines der Gemeindemitglieder spricht darüber, nur Privorozki, wenn er gefragt wird. Er habe selbst einige Zeit gebraucht, um das zu verstehen, sagt er. Dann hat er sich an ein Zeitzeugenprojekt erinnert, das er initiiert hat. Und an Holocaust-Überlebende, die nicht über das Vergangene berichten wollten. Einmal habe er sich das Video, das die Überwachungskamera an der Tür aufgenommen habe, angesehen. Um zu verstehen, ob die Polizei anders hätte handeln können und sollen. Noch einmal könne er es sich nicht ansehen. Im Prozess wird er durch einen Anwalt vertreten.

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