Kunst und Drogen :
Ein Pilzjahr

Tilman Spreckelsen
Ein Kommentar von
Lesezeit:
Sonnenuntergang: Forschern aus St. Gallen gelang es, Pilze gezielt Bilder auf Holzuntergrund herstellen zu lassen.

Sind das Künstler? Forschern aus St. Gallen ist es gelungen, Pilzkulturen Bilder erschaffen zu lassen. Verzweifeln müssen menschliche Maler trotzdem nicht.

Berichte vom Kunstschaffen unter dem Einfluss berauschender Substanzen kommen seit jeher inflationär auf uns, als Selbstaussagen und zuletzt auch vermehrt durch Forscherfleiß. So untersuchten amerikanische Wissenschaftler die kalifornische Höhle Pinwheel Cave, berühmt durch Felsbemalungen der Chumash, und fanden vierhundert Jahre alte Klumpen aus Pflanzenfasern, an denen noch Kauspuren sichtbar waren – die damaligen Höhlenkünstler hatten sich offenbar mit Atropin und Scopolamin in Stimmung gebracht, bevor sie loslegten. Auch manche Pilze haben es in diesem Zusammenhang zu zweifelhaftem Ruhm gebracht, erkauft oft genug durch Erbrechen, Durchfall oder auch durch wesentlich Schlimmeres.

Nun haben Forscher von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt, kurz Empa, in St. Gallen eine Methode entwickelt, das kunstfördernde Potential von Pilzen zu nutzen, ohne dafür den Umweg über den menschlichen Körper zu nehmen. Sie setzten dafür bestimmte Hölzer unterschiedlichen Pilzkolonien aus und kontrollierten deren Wachstum in einer Weise, so dass Schriftzüge und Bilder auf der Holzoberfläche entstanden, zum Beispiel ein stilisierter Sonnenuntergang mit verschwimmend breitem Strahlenkranz um das Gestirn.

Arroganz ok

Allerdings gibt es auch jene Myriaden Schilderungen vom Erwachen aus dem Rausch und der kritischen Sichtung des dort Entstandenen: Im Roman „Kleinstadthelden“ lässt Andreas Mand seinen Helden schwer illuminiert zu einer Art Rendezvous schwanken, wo er sich in einen Stuhl fallen lässt und mit wichtiger Miene einen frisch empfangenen Gedanken auf einem Zettel festhält. Er besteht aus den kryptischen Worten „Arroganz ok“, und Mands Erzähler findet im Fortgang der Handlung zum Glück wesentlich ergiebigere Zugänge zu seiner Kreativität. Dass genuin menschliche Maler oder Zeichner angesichts der Ergebnisse aus St. Gallen nun das Werkzeug aus der Hand legen, muss man nicht befürchten. So wird man, bei allem Respekt für die Leistung der Forscher, in den eher ungelenken Kunstwerken der Pilze noch sehr viel Raum für avanciertere Ergebnisse finden.

Ihr Namensvetter Gottlieb Theodor Pilz (1789 bis 1856), dem Wolfgang Hildesheimer den biographischen Essay „1956 – ein Pilzjahr“ widmete, war da schon weiter. Der Autor und Komponist wurde bekannt durch die Virtuosität, die er Künstlern gegenüber im Abraten bewies, was schlimme Folgen für das Schaffen von Beethoven, Rossini, Jahn oder E.T.A. Hoffmann hatte. Wahrscheinlich ist jedem Pilz ein Gegenpilz gewachsen. Und wer weiß, was die Chumash alles geschaffen hätten, wenn sie die Finger vom Stechapfel gelassen hätten.

Empfehlungen
Stellenmarkt
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Stellenmarkt
Zum Stellenmarkt
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Stellenmarkt
Leiter Rechnungswesen und Projekte (m/w/d)
über Fricke Finance & Legal
Zum Stellenmarkt
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Stellenmarkt
Generalintendanz (m/w/d)
ifp | Executive Search. Management Diagnostik.
Zum Stellenmarkt
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Stellenmarkt
Fachkraft für Arbeitssicherheit (m/w/d)
Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik
Zum Stellenmarkt
Verlagsangebot
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
Management
Master-Studiengang: Management
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
  翻译: