Gefangenenkunst im Museum : Vom Kitzel der Kreativität
Man spricht so oft von den antisemitischen Kampagnen unter Stalin, dass in Vergessenheit gerät, wie sehr Juden in der Sowjetunion auch danach noch Repressalien ausgesetzt waren – sofern sie sich als Juden verstanden. Bei Leonid Lamm war es so. Der 1928 geborene Künstler hatte vierhundert Bücher illustriert, als er 1973 verhaftet wurde, nachdem er für sich und seine Familie einen Ausreiseantrag nach Israel gestellt hatte. Was er in drei Jahren Haft erlebte, veränderte seine Kunst. In der Gefängnisbibliothek fand er Dostojewskis „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“, den Bericht des Schriftstellers über dessen Lagerhaft im Zarenreich. Nach seiner Freilassung fertigte Lamm Lithographien zu Dostojewskis Buch an, aber er fasste auch seine eigenen Erlebnisse in Bilder. Was hatte sich geändert? Wenig. Das eindrucksvollste Gemälde entstand allerdings erst 2016, ein Jahr vor dem Tod Lamms, auf der Grundlage eines vierzig Jahre alten Aquarells: Den Hofgang der Gefangenen in seiner Moskauer Haftanstalt legte Lamm als Hommage an Gustave Doré und Vincent van Gogh an, die auch schon im neunzehnten Jahrhundert dieselben Szenen gesehen hatten wie er. Nur dass er sie durchlitten hatte.