Übersetzer-Nachlässe : Nomaden der Mehrsprachigkeit

Sprachkünstler erkennen einander: Die Geschichte des Übersetzens ist geprägt von Dialogen und Zusammenarbeit. Nachlässe wie der von Peter Urban geben wertvolle Einblicke in das Handwerk und die Menschen dahinter. Ein Gastbeitrag.
Kartoffel, Kartusche, Karzer, Käse, Kismet, klimmern, Klinse, Klitsch, Kloß, Koben, Kunte – so liest man es auf einer der Wortlisten, die sich im Nachlass des Übersetzers Peter Urban erhalten haben. Eine weit sich auffächernde Variation auf den Buchstaben K, semantisch angelehnt an das russische „chlam“, also Kram, Kroppzeug, Krempel – eine Liste zu dem Gedicht „Herren und Knechte im Alphabet“ des Sternsprachendichters Velimir Chlebnikov. Andere Listen treiben ihr Spiel mit der deutschen Silbe „lieb“ oder dem Wortstamm „mach“: Machwerk, Machtmensch, Mögen. Gehören die deutschen Wörter „mögen“ und „Machtmensch“ tatsächlich zur selben Stammsilbenfamilie? Urban fertigte derlei Listen als Hilfsmittel – ein experimentelles Kettenspiel der Sprache, wie es Kinder treiben, um sich unbekannte Sprach- und Weltreiche zu erobern. Tatsächlich ermöglichen konzeptionelle Regeln (hier die Variation auf „K“), auch Fremdes und Unbekanntes in die Sprache einzubürgern. Und nichts anderes hatte Velimir Chlebnikov im Sinn: Wie einst die Dichter des Barock wollte er mit seinen futuristischen Schriftstellerkollegen die russische Sprache erneuern.